Die nächste Spannungs-Stufe

Neue Autos, neue Stars, neue Strecken: In der aktuellen Formel-E-Saison ist vieles neu – und aufregend. Das müssen Sie für den E-Prix in Bern wissen.

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Die ABB Formel E ist erwachsen geworden. Und das im Eiltempo. Es ist erst fünf Jahre her, als in Peking erstmals die erste vollelektrische Rennserie an den Start ging. Kritisch beäugt von der etablierten Rennsportszene. Autorennen ohne Benzin, mitten in Grossstädten? Das war in den Augen von Traditionalisten ein Tabubruch. Aber ein im wahrsten Sinne des Wortes nachhaltiger. Denn die Elektro-Serie setzte sich in Rekordzeit durch. Was der Legende nach 2011 als Vision auf einer Papierserviette entstand, ist 2019 ein fester Bestandteil des internationalen Motorsports geworden.

Die Experimentierphase ist in der fünften Saison längst vorbei. Mit der neuen Elektro-Technik überforderte Teams wie der Rennstall von Ex-Formel-1-Pilot Jarno Trulli sind rasch wieder verschwunden. Dafür kamen jede Saison mehr etablierte Autohersteller mit ihren Werksteams hinzu: Inzwischen sind es so viele wie in einer keiner anderen Rennserie. Sie alle setzen seit diesem Jahr das komplett neu entwickelte neue Einheitsauto im futuristischen Design ein – die Formel E ist damit schneller, spektakulärer – und eben erwachsener geworden.

1. Neue Elektro-Autos

Auch der Audi e-tron FE05 basiert auf der neuen Plattform im Batmobil-Design. Eins der Autos wird auch im e-tron experience center am Utoquai in Zürich ausgestellt. (Audi Communications Motorsport/Michael Kunkel)
Auch der Audi e-tron FE05 basiert auf der neuen Plattform im Batmobil-Design. Eins der Autos wird auch im e-tron experience center am Utoquai in Zürich ausgestellt. (Audi Communications Motorsport/Michael Kunkel)

Bahn frei für das «Batmobil»! Die bisherigen Einheitsautos der ersten vier Saisons sind ausrangiert worden. Auf das fünfte Formel-E-Jahr hin entwickelten die Organisatoren einen komplett neuen Einheits-Flitzer im Batmobil-Design. Einen Heckflügel gibt’s nicht mehr, dafür einen riesigen Diffusor. Es ist der grösste Coup der Macher: Mit den neuen Wagen hat sich die ABB Formel E einen unverwechselbaren Look verpasst und nebenbei auch die bisher belächelten Autowechsel zur Rennhälfte wegen leerer Batterie abgeschafft. Die neuen, stark verbesserten Akkus halten jetzt ein ganzes Rennen durch. Der neue Wagen ist auch schneller geworden: Der neue «Gen2-Car» zischt in 2,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h und ist bis 280 km/h schnell. Allerdings wiegt der Bolide (inklusive Fahrer) 900 Kilogramm.

2. Neue Teams

Der Schweizer Sébastien Buemi (hier vor dem Bundeshaus) fährt in Bern für das Nissan-Werksteam. (Keystone/Anthony Anex)
Der Schweizer Sébastien Buemi (hier vor dem Bundeshaus) fährt in Bern für das Nissan-Werksteam. (Keystone/Anthony Anex)

Sébastien Buemi fährt jetzt Nissan! Der Formel-E-Star aus Aigle VD wurde in vier Jahren mit Renault zum erfolgreichsten Elektro-Piloten: 12 Rennsiege, 1 WM-Titel und zwei Vizetitel. Nun fährt der 30-Jährige in Silber statt Blau-Gelb. Konzernintern hat Nissan den Platz von Renault übernommen. Mit dem französischen Team eDams bleibt die Crew im Hintergrund aber die gleiche. Daneben fahren die Deutschen voll auf Elektrosport ab. BMW ist neu mit einem Werksteam dabei und hat sogleich das Premierenrennen in Riad gewonnen.

Mercedes lässt sich ein Jahr vor dem offiziellen Einstieg noch vom werksnahen HWA-Team vertreten, das als elfter Rennstall in die ABB Formel E aufgenommen wurde. In der nächsten Saison kommt auch noch Porsche. Schon jetzt sind aber mit Audi, BMW, Mercedes, Jaguar, Nissan, Mahindra (Indien) und DS (Marke der Citroën-Peugeot-Opel-Gruppe) so viele Autobauer wie noch nie dabei.

3. Neues Rennformat

In der laufenden Saison können sich die Fahrer abseits der Ideallinie Extra-Power holen. (Audi Communications Motorsport/Michael Kunkel)
In der laufenden Saison können sich die Fahrer abseits der Ideallinie Extra-Power holen. (Audi Communications Motorsport/Michael Kunkel)

Jetzt ist «Mario Kart» Realität! Die Formel-E-Bosse wollen unberechenbare Rennen. Dafür sorgen sie einerseits mit den neuen Einheitsautos, deren stabile Bauweise harte Zweikämpfe und Gegnerkontakt gut aushalten. Und dann auch mit zwei Neuerungen im Regelwerk. Wie im legendären Nintendo-Spiel «Mario Kart» können die Piloten eine markierte Zone ausserhalb der Ideallinie überfahren und sich so Extra-Power holen. Für eine gewisse Zeit – die  erst vor dem Rennen definiert wird, meistens sind es vier Minuten – sind im «Attack Mode» so 306 Elektro-PS statt den gewöhnlichen 272 freigegeben. Zweimal pro Rennen muss jeder Fahrer den «Attack Mode» aktivieren. Und für die Piloten noch trickreicher: Die Renndauer ist nicht mehr eine fixe Rundenanzahl. Neu dauert ein E-Prix 45 Minuten plus 1 Runde. Das macht das Energie-Haushalten im Rennen noch komplizierter. Wehe, der Rennleader ist so schnell, dass er am Ende mehr Runden fährt als von den Teams berechnet. Für diesen Fall muss jeder Fahrer bei seinem Batterie-Management vorsorgen.

4. Neue Rennen

Dieses Jahr stand auch Monaco auf dem Renn-Kalender. (Audi Communications Motorsport/Michael Kunkel)
Dieses Jahr stand auch Monaco auf dem Renn-Kalender. (Audi Communications Motorsport/Michael Kunkel)

Die Formel E zischt durch Bern! Die Saison 2018/19 beinhaltet 13 Rennen in 12 Städten auf der ganzen Welt, darunter Hongkong, Rom, Berlin, Paris, Mexiko-Stadt, Santiago de Chile und New York. Neu dabei ist die Station in der Schweiz: Bern ersetzt Zürich, da diesen Sommer das «Züri Fäscht» als Grossevent Vorrang hat. Auf der Berg-und-Tal-Strecke beim Bärengraben gehts am 22. Juni zur Sache. Auch neu sind Auftaktort Riad in Saudi-Arabien und Sanya in China. Beide Länder gelten als Märkte mit viel Potenzial. Dazu kommt wie immer jedes zweite Jahr Monaco, wo allerdings nur eine Kurzvariante der legendären Formel-1-Piste befahren wird.

5. Neue Star-Fahrer

Sie sind neu dabei: Gary Paffett, Felipe Massa und Stoffel Vandoorne (von links nach rechts). (Formula E)
Sie sind neu dabei: Gary Paffett, Felipe Massa und Stoffel Vandoorne (von links nach rechts). (Formula E)

Erstmals fährt diese Saison ein ehemaliger Formel-1-GP-Sieger elektrisch. Ex-Ferrari- und Ex-Sauber-Pilot Felipe Massa (38) gewann in der Königsklasse elf Grands Prix und wurde 2008 hinter Lewis Hamilton hauchdünn Vize-Weltmeister. Jetzt startet der kleine Brasilianer als Teamkollege des Genfers Edoardo Mortara (32) beim Venturi-Team. Beim neuen HWA-Rennstall (dahinter steckt Mercedes) fahren der bisherige McLaren-Formel-1-Pilot Stoffel Vandoorne (27) und der Brite Gary Paffett (38), der 2018 noch für Mercedes die populäre deutsche Tourenwagenserie DTM gewann. So viele Stars hatte die Formel E noch nie.

So lief die Saison bisher

Eine Dominanz wie sie zum Beispiel Sébastien Buemi in seiner Weltmeister-Saison 2015/16 hatte – die gibt es im fünften Jahr der ABB Formel E nicht mehr. Die Saison 2018/19 verläuft so spannend wie noch nie. Unfassbare acht verschiedene Sieger gab es in den ersten acht Rennen: da Costa, D´Ambrosio, Bird, di Grassi, Mortara, Vergne, Evans, Frijns. Dazu kommen alle auch aus acht verschiedenen Ländern. Erst Titelverteidiger Jean-Eric Vergne setzt der Rekord-Serie mit seinem zweiten Saisonsieg in Monaco ein Ende. Der Franzose reist nun zwar als Gesamt-Leader nach Bern. Aber drei Rennen vor Schluss können sich noch immer mindestens fünf Piloten Hoffnungen auf den WM-Titel machen. Vergne ist auch Führender in der neuen EM-Wertung. Bei den «Voestalpine European Races» wird der beste Fahrer aller Europa-Rennen gekürt, in Bern findet das EM-Finale statt. Die E-Prix dieser Saison und die Meisterschaft sind derart spannend, weil reglementsbedingt kein Team eine Dominanz herausarbeiten konnte. Das wird auch in Bern und New York so bleiben.

Titelverteidiger startet vom zweiten Platz

Lucas di Grassi holte im letzten Rennen vor Bern seinen ersten Saison-Sieg. (Audi Communications Motorsport/Michael Kunkel)
Lucas di Grassi holte im letzten Rennen vor Bern seinen ersten Saison-Sieg. (Audi Communications Motorsport/Michael Kunkel)

Für das Werksteam Audi Sport ABT Schaeffler ist die Schweiz ein gutes Pflaster: Der erste  E-Prix in Zürich im Juni 2018 endete für den Audi-Piloten Lucas di Grassi (34) ganz oben auf dem Podest. Vor Freude sprang er damals in den Zürichsee. Sein Teamkollege Daniel Abt (26) holte den 9. Rang. Der Erfolg in der Schweiz blieb nicht der letzte: Der Audi-Rennstall unter der Leitung von Allan McNish (49) beendete die Saison 2017/18 als Team-Meister. Beide Fahrer blieben der Serie treu, starten auch dieses Jahr wieder im e-tron.

Beim Team sind die Titelchancen nach wie vor intakt: Derzeit rangiert Audi Sport ABT Schaeffler hinter DS auf Platz 2. In der Fahrerwertung liegt di Grassi auf dem 2. Platz – derzeit steht ihm der Franzose Jean-Éric Vergne (29, DS) im Weg. Der Audi-Fahrer kommt allerdings gestärkt nach Bern: Im letzten E-Prix in Berlin holte er seinen ersten Sieg der Saison. Abt liegt im Fahrerfeld auf Platz 7 – sein Schlussrang der vergangenen Saison.

Die Strecke in Bern.
Die Strecke in Bern.

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