Was E-Autos mit Popcorn zu tun haben

Er ist professioneller Kaffeesatzleser: Der 50-jährige Lars Thomsen und seine Firma Future Matters schauen für Firmen und Organisationen in die Zukunft. Als einer der weltweit führenden Zukunftsforscher spürt er die kommenden Megatrends auf. Er ist überzeugt: «In 10 Jahren werden deutlich weniger Menschen ein eigenes Auto besitzen!» Neben dem nun beginnenden Siegeszug der Elektroautos freut er sich bereits auf die ersten Flugtaxis.

Interview von Max Fischer, Fotos von Darrin Vanselow

Herr Thomsen, heute haben nur 3,2 Prozent der neu zugelassenen Autos in der Schweiz einen Elektroantrieb. Bis 2022 sollen es 15 Prozent sein. Ein Durchbruch sieht anders aus.

Naja, meist fängt eine neue Durchbruchsinnovation zunächst klein an. 2008 hatten nur etwa 2 Prozent aller Schweizer ein Smartphone. Kaum jemand kapierte, wozu das überhaupt sinnvoll sein sollte. Sie waren der Ansicht, Festnetztelefone und Handys wären ja vollkommen ausreichend.

Und irgendwann…

…konnte man leistungsfähige Computer so klein bauen, dass man sie in die Tasche stecken konnte.

Zudem konnten wir damit nicht nur telefonieren…

…sondern Fotos und Videos machen, jede Menge sinnvolle Apps nutzen, Musik, Filme und Fernsehen streamen – und wir hatten ein Navi, Diktiergerät und Reisewecker und konnten in sozialen Netzwerken unser Alltagsleben mit all unseren Erlebnissen teilen. Damit das möglich werden konnte, mussten mehrere Dinge zusammenkommen: Prozessoren, die klein und leistungsfähig genug waren, Akkus mit genügender Energiedichte und eine Netz-Infrastruktur, die die notwendigen Datenmengen mobil übertragen konnte. Wenn solche Trends zusammenkommen und ganz neue Produkte und Nutzungsformen möglich machen, dann sprechen wir von einem sogenannten Tipping Point.

Lars Thomsen lässt sich am Autosalon in Genf den Audi e-tron GT Concept erklären.
Lars Thomsen lässt sich am Autosalon in Genf den Audi e-tron GT Concept erklären.

Also ein Umbruch in einer ganzen Branche.

Ja, wenn eine Entwicklung plötzlich Fahrt aufnimmt und nicht mehr aufzuhalten ist. Wichtig ist, dass die neue Technologie einen nachhaltigen Mehrwert für die Menschen bietet, also das Leben besser, einfacher, sicherer und komfortabler macht, als dies zuvor der Fall war.

Sie vergleichen das mit der Herstellung von Popcorn.

Es dauert eine gewisse Zeit, bis die ersten Maiskörner im heissen Öl platzen. Man braucht Geduld und einige zweifeln gar, dass irgendwann überhaupt etwas passiert. Aber wenn eine gewisse Temperaturschwelle überschritten wird, dann geht alles plötzlich sehr schnell.

Und das passiert jetzt auch in der Automobilindustrie?

Genau. Jetzt kommen gleich mehrere Trends zusammen an Tipping Points. Die Batterien werden gleichzeitig billiger, energiedichter und langlebiger. Dazu kommen Skaleneffekte, die die Produktion von E-Fahrzeugen an den Punkt treiben, an dem sie günstiger und besser als in Leistung, Grösse und Reichweite vergleichbare Verbrenner-Fahrzeuge werden. Und die Betriebs- und Wartungskosten liegen deutlich darunter. Zudem haben sie in der Regel mehr «Kick» – und fahren sich wesentlich dynamischer und angenehmer als Verbrenner. Hinzu kommen immer schärfere Emissionsgesetze rund um den Globus.

Der hat den «Kick»: Lars Thomsen im Audi Q4 e-tron Concept, der in Genf Weltpremiere hatte.
Der hat den «Kick»: Lars Thomsen im Audi Q4 e-tron Concept, der in Genf Weltpremiere hatte.

Wann wird das exakt der Fall sein?

In bereits zwei bis drei Jahren werden Konsumenten in einer Gesamtkostenbetrachtung für ein Elektroauto weniger zahlen müssen als für ein vergleichbares Fahrzeug mit Verbrennungsmotor. Und dann macht es für einen Hersteller kaum mehr Sinn, mittel- bis langfristig herkömmliche Autos zu produzieren.

So schnell?

Der Druck kommt von allen Seiten: Bereits in der ersten Jahreshälfte 2019 werden in einigen Fahrzeugsegmenten Elektroautos besser verkauft werden als die bislang führenden Verbrenner. So ist in den USA das Tesla Model 3 bereits das umsatzstärkste PKW-Modell überhaupt und auch in der Schweiz wird es derzeit häufiger zugelassen als alle direkten Mitbewerber mit Benzin- oder Dieselantrieb. Zudem machen die grossen Städte ihre Strassen für Verbrenner dicht. In Paris beispielsweise sollen ab 2024 keine Dieselfahrzeuge mehr über die Strassen rollen. Das gleiche ist in Rom vorgesehen. In Barcelona müssen ältere Autos bei zu hoher Stickoxid-Belastung jetzt schon in der Garage bleiben. Vorübergehende Verbote an Tagen mit hoher Luftverschmutzung für Dieselautos gibt es in Oslo, Stuttgart, Hamburg. Die Städte leiden heute am meisten. Und nicht zuletzt ist China ein wichtiger Faktor. Es ist anzunehmen, dass 2025 keine neuen Verbrenner mehr in Chinas Mega-Cities zugelassen werden. Gleichzeitig kommen die Chinesen in den nächsten zwei Jahren mit sehr attraktiven E-Autos auf die europäischen, asiatischen und amerikanischen Märkte. Allein auf dem Autosalon in Genf konnte man rund ein halbes Dutzend davon bewundern. Und die meisten von ihnen sind nicht als Chinesen zu erkennen – wie etwa Polestar.

«Elektrofahrzeuge werden sich in den Städten und den Ballungszentren durchsetzen»: Lars Thomsen inspiziert den Lade-Anschluss eines Audi e-tron.
«Elektrofahrzeuge werden sich in den Städten und den Ballungszentren durchsetzen»: Lars Thomsen inspiziert den Lade-Anschluss eines Audi e-tron.

Ist der Elektroantrieb nur eine Zwischenlösung vor der Brennstoffzelle?

Keineswegs. Elektrofahrzeuge können ihre Energie entweder mittels einer Batterie oder Wasserstoff speichern, die dann in der Brennstoffzelle zu Strom gewandelt wird. Allerdings benötigen Wasserstoffautos wesentlich mehr Energie als Fahrzeuge mit Batterien. Und während das Laden von batterie-elektrischen Fahrzeugen an praktisch jeder Steckdose funktioniert, ist der Aufbau einer Wasserstoff-Tankstelleninfrastruktur deutlich teurer. Nach unserer Analyse wird sich das Elektrofahrzeug in den Städten und Ballungszentren durchsetzen und Wasserstoff-Anwendungen werden auf andere Nischen beschränkt bleiben.

Steuern wir in Zukunft unsere Autos noch selber?

Sicher nicht (lacht). Selbstfahrende Autos machen das Fahren entspannter und erst noch viel sicherer. Aber hier reden wir von einem Zeitraum der kommenden 15 Jahre. Zunächst kommen in den Neuwagen eine Menge von Assistenzsystemen, die das Fahren einfacher, entspannter und sicherer für alle machen. Mehr und mehr wird man über die Jahre in der Lage sein, dem Auto das Fahren in gewissen Situationen zu überlassen. Und ab 2025 wird es dann erste autonome Fahrzeuge auch in der Schweiz gaben, die einen – ohne Fahrer – von Zuhause abholen, zum Ziel bringen. Und wir müssen uns weder um das Fahren noch die Parkplatzsuche Sorgen machen.

Mit dem e-tron Charging Service wird Nachladen unterwegs ganz einfach.
Mit dem e-tron Charging Service wird Nachladen unterwegs ganz einfach.

Woher dieser Optimismus?

Computer werden nie müde und lassen sich nicht ablenken. Der Mensch kann gerade mal 15 Impulse pro Sekunde verarbeiten – ein Computer schon heute mehr als 30. Kommt hinzu, dass sich die Rechenleistungen von Computern jedes Jahr verdoppeln. Das ist nicht alles: Zusammen mit Sensoren und Wärmebildkameras sieht das autonome Auto auch in der Nacht, bei starkem Regen und Nebel gleich gut. Und anders als der Mensch mit seinen zwei Augen erfasst es alle Situationen in einer 360-Grad-Rundumsicht. Aber auch ökonomische Gründe werden den Wandel vorantreiben.

Konkret?

Autoversicherungen könnten beispielsweise von einem Selbstfahrer eine jährliche Prämie von 1500 Franken verlangen. Wer ausschliesslich in autonomen Fahrzeugen und entsprechend sicherer unterwegs ist, muss dann aber nur 500 Franken bezahlen. Und für viele von uns wird es toll sein, wenn wir individuelle Mobilität «auf Knopfdruck» jederzeit geniessen können. Auch wenn es für viele von uns derzeit noch sehr utopisch klingt, werden wir uns in 15 Jahren an den Kopf fassen, wenn wir darüber nachdenken, wie umständlich, nervig und kompliziert es im Jahr 2019 doch war.

Das ist aber noch nicht das Ende der Reise.

Überhaupt nicht! Parallel zur technischen Entwicklung kommt es auch zu gesellschaftlichen Veränderungen. Meine 17-jährige Tochter hört viel Musik, besitzt aber keinen einzigen Tonträger mehr. Ich hatte vor 20 Jahren noch einen Plattenspieler und eine ordentliche Plattensammlung, die mein grosser Stolz war. Während ich noch etwas besitzen musste, um es nutzen zu können, nutzt meine Tochter lediglich einen Dienst.

Stauraum statt Motor unter der Haube: Lars Thomsen schaut sich mit seiner Tochter den Audi e-tron an.
Stauraum statt Motor unter der Haube: Lars Thomsen schaut sich mit seiner Tochter den Audi e-tron an.

Das gleiche passiert nun bei den Autos?

Genau. Meine Generation machte mit 18 den Führerschein, das erste eigene Auto war ein Muss. Doch in zehn Jahren werden sehr viele Menschen kein eigenes Auto mehr besitzen. Als Hobby wird vielleicht noch der eine oder andere einen Oldtimer oder einen Sportwagen in seiner Garage haben. Doch in den grossen Städten wird sich für die meisten die Mobilität auf Knopfdruck als das Beste erweisen.

Wie soll das funktionieren?

Ganz einfach. Wenn ich von meinem Wohnort Stäfa nach Zürich möchte, bestelle ich zukünftig ein autonom fahrendes Taxi. Es hatte vielleicht gerade einen Einsatz im benachbarten Hombrechtikon und ist in drei Minuten bei mir. In Zürich hält das Fahrzeug wie von mir gewünscht direkt vor dem Kaufhaus Jelmoli – ich zahle für die Reise des günstigen Elektroautos nur 5 Franken, das ist billiger als eine Zugfahrt. Und ich habe erst noch keine Parkplatzsorgen, kann während der Fahrt Zeitung lesen, einen Film schauen oder Mails beantworten. So werden wir künftig unterwegs sein: günstig, sicher und entspannt.

Lars Thomsen stellt sich die Zukunft des Verkehrs «günstig, sicher und entspannt» vor.
Lars Thomsen stellt sich die Zukunft des Verkehrs «günstig, sicher und entspannt» vor.

Sie haben aber noch ganz andere Visionen?

Worauf wollen Sie hinaus?

Sie träumen von fliegenden Autos.

Ich träume nicht (lacht). Wir sind der Meinung, dass bereits in etwa zehn Jahren vollautomatische Flugdrohnen die am Bahnhof in Zürich ankommenden Passagiere direkt ins Engadin fliegen werden. Diesen Flugtaxis, wie sie zum Beispiel bereits von Firmen wie Volocopter oder Lilium Jet entwickelt werden, wird die Zukunft gehören. Zudem werden sie praktisch jeden noch so entlegenen Ort in der Schweiz mit einer Verkehrsanbindung versehen können, wie es derzeit nur entlang der Haupt-Bahntrassen oder in der Nähe der Flughäfen existiert. Diese Flug-Taxis werden Distanzen von bis zu 300 Kilometern in nur einer Stunde überbrücken können. Und das von jedem Ort zu jedem Ort. Eine riesige Chance auch für den ländlichen Raum.

Science Fiction wird bald Realität: Lars Thomsen am Autosalon in Genf.
Science Fiction wird bald Realität: Lars Thomsen am Autosalon in Genf.

Das tönt gar stark nach Science-Fiction?

Überhaupt nicht. Das kommt schneller, als wir alle glauben. Wenn es heute bereits Kamera- und Racingdrohnen für wenige hundert Franken zu kaufen gibt, deren Sensorik schon heute allen Hindernissen ausweichen und Kollisionen mit Objekten und anderen Drohnen vermeiden kann, dann ist es, vereinfacht gesagt, nur noch eine Frage der Skalierung. Natürlich werden noch ganz andere Sicherheitsauflagen kommen, sobald Menschen darin sitzen und auch der untere Luftraum muss noch für entsprechende Drohnen-Korridore angepasst und freigeben werden. Doch das sind alles keine echten «Show-Stopper». Wir sollten davon ausgehen, dass uns 2029 solche Flugtaxis sicher von A nach B fliegen können.

Droht uns eine Herrschaft der Roboter?

Wir müssen die Arbeit neu definieren. Offen diskutieren, wie wir zukünftig die Arbeit und die Aufgaben zwischen Mensch und Maschine aufteilen und sogar besteuern. Bis jetzt wird  hauptsächlich das Gehalt von Menschen besteuert, welches sie für Ihre Wertschöpfung erhalten. Künftig wird ein nicht unerheblicher Teil jedoch auch von Robotern, Computern und Künstlicher Intelligenz erwirtschaftet. Um eine Spaltung in der Gesellschaft zu verhindern, müssen wir über die künftige gerechte Verteilung der Wertschöpfung nachdenken. Aber aus unserer Sicht droht uns keine Herrschaft der Roboter. Im Gegenteil: Wenn wir es richtig machen, bekommen unsere Arbeit und unser Leben wieder mehr Sinn. Derzeit sind viele von uns im Dauer-Stress, da wir uns mit Dingen herumschlagen müssen, die Maschinen bald viel besser machen können. Es war immer das Bestreben der Menschen, Werkzeuge und Maschinen zu entwerfen und zu nutzen, die unser Leben einfacher, lebenswerter und schöner machen. Ob es nun die Erfindung des Rades, des Buchdrucks, der Dampfmaschine oder des Autos war: Durchgesetzt haben sich die Dinge, die unser Leben besser gemacht haben.

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