So viel Zukunft ist heute schon

Selbstfahrende Fahrzeuge, Car- und Bike-Sharing verändern unsere Mobilität. Autos, Züge und Velos werden bald ohne Unterbruch untereinander und mit uns kommunizieren. Was früher der SBB-Fahrplan und das Billett, sind jetzt Sites und Apps. Ein wichtiger und zentraler Treiber ist und bleibt dabei die E-Mobilität.

Von Max Fischer

Strom ist der bessere Sprit – für die Strasse und auch für den Fortschritt. Die Elektromobilität verändert gerade unseren Alltag, unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft, Elektrofahrzeuge entpuppen sich als sogenannte «Cross Innovations»: Innovationen, die alte Branchengrenzen sprengen. Traditionelle Hersteller von Verkehrsmitteln arbeiten vermehrt mit branchenfremden Unternehmen zusammen. Aber auch Städte und Regionen haben immer mehr Gewicht: Statt Konkurrenz heisst das neue Zauberwort Coworking. Denn nur gemeinsam lässt sich die Zukunft meistern

Noch erinnert vieles an Science-Fiction. Das Institute for Customer Insight an der Universität St. Gallen (HSG) stellte zusammen mit der amerikanischen Boston Consulting Group die Frage: Wo lohnen sich autonom fahrende Shuttles und Taxis? 44 Städte haben sich die Forscher dafür genauer angeschaut. Mit gewaltigen Rechnern simulierten sie für alle Typen die unterschiedlichsten Situationen von Städten. Und können so zeigen, wo selbstfahrende Vehikel Sinn machen und was das bringt.

Vehicle-to-Infrastructure-Dienste (V2I) – hier ein Ampel-Informationssystem in Düsseldorf (D), das Audis seit Anfang 2020 die Ampelfarbe meldet – sollen es autonom fahrenden Autos einfacher machen. (AUDI)
Vehicle-to-Infrastructure-Dienste (V2I) – hier ein Ampel-Informationssystem in Düsseldorf (D), das Audis seit Anfang 2020 die Ampelfarbe meldet – sollen es autonom fahrenden Autos einfacher machen. (AUDI)

64 Tote weniger

Im weitläufigen Los Angeles etwa könnte die Zahl der Privatautos massiv gesenkt werden. So würde man pro Jahr 2,7 Millionen Tonnen CO₂ sparen. In einer Zentrumsstadt wie London dagegen ist das Sicherheits-Potenzial riesig. Die Experten rechnen dank des automatisierten Verkehrs mit 64 Verkehrstoten weniger pro Jahr, allein in London. Denn, so die Studienautoren: 95 Prozent aller Unfälle gehen auf menschliches Versagen zurück.

Doch bis wir tatsächlich ohne Buschauffeur und Taxifahrer auskommen, müssen wir uns noch etwas gedulden. Das weiss Patrick Eigenmann von Mobility besonders gut. Der Schweizer Car-Sharing-Anbieter Mobility hat zusammen mit den SBB, den Zugerland Verkehrsbetrieben, dem Technologiecluster Zug und der Stadt Zug bereits den autonom fahrenden «My Shuttle» getestet.

Für den selbstfahrenden E-Bus «My Shuttle» in Zug war die Zeit noch nicht reif. (Keystone)
Für den selbstfahrenden E-Bus «My Shuttle» in Zug war die Zeit noch nicht reif. (Keystone)

Der mit Elektroantrieb ausgestattete Bus verkehrte zwischen dem Einkaufszentrum Metalli und dem Bahnhof Zug. «In der Innenstadt erwiesen sich die Sensorik und die Vernetzung als Knackpunkte», sagt Eigenmann rückblickend. Konkret hiess das: Autos, Ampeln, Spuren, Kreuzungen, Fussgänger und Velofahrer wurden von den Sensoren erfasst.

Aber eben auch jede Schneeflocke, jedes herunterfallende Laubblatt und jeder vorbeifliegende Vogel. In Sekundenbruchteilen musste sich die Software für ein leichtes Abbremsen oder einen Vollstopp entscheiden. Schwierig! Und da die entsprechende Technologie noch in einem frühen Entwicklungsstadium steckt, erreichte der Shuttle laut Eigenmann nur selten die optimal gewünschte, stabile Geschwindigkeit. «Künftig muss man aber auch Ampeln so konzipieren, dass sie mit Fahrzeugen kommunizieren können», sagt der Mobility-Mitarbeiter. 

Der ur-tron aus Zürich

Schon ein Stück weiter in der Zukunft ist man in Zürich. Nach erfolgreich verlaufenen Probebetrieben werden die VBZ ab Ende 2021 batteriebetriebene Quartier- und Standardbusse einführen. Dazu müssen in den VBZ-Busgaragen leistungsfähige Stromversorgungs- und Ladeinfrastrukturen aufgebaut werden, die durch ein intelligentes Lademanagementsystem und den Einsatz von Alt-Batterien als Pufferspeicher unterstützt werden.

So werden die neuen VBZ-Quartierbusse aussehen, die rein elektrisch und ohne Oberleitung durch Zürich fahren. (VBZ)
So werden die neuen VBZ-Quartierbusse aussehen, die rein elektrisch und ohne Oberleitung durch Zürich fahren. (VBZ)

Das freut die Umwelt: Mit dem Betrieb der neuen Batterie-Quartierbusse werden künftig mehr als 150’000 Liter Diesel und rund 400 Tonnen CO₂ pro Jahr eingespart. Elektromobilität hat bei den VBZ Tradition: Schon 1894 fuhr in Zürich ein «ur-tron» als elektrisch angetriebenes Tram.

Auch Bern ist elektrisch unterwegs: In der Bundesstadt verkehren schweizweit die ersten Elektrobusse, die keine Oberleitung, sondern nur eine Aufladung an der Endhaltestelle benötigen. Ihr Einsatz verringert den CO₂-Ausstoss jährlich um 500 Tonnen. Die Opportunity-Charging-Ladestationen kommen vom Technologiekonzern ABB. Topmoderne elektrische Lösungen sind auch in Genf im Einsatz. Der Elektrobus Tosa wird an Haltestellen unterwegs mit Schnellladetechnologie aufgeladen, während die Passagiere ein- und aussteigen. Diese Technik kommt ebenfalls von ABB, gehört aber heute zu jenem System, das Teil des eigenständigen Joint Ventures Hitachi ABB ist.

Die Elektrobusse von Bernmobil werden an der Endhaltestelle aufgeladen. (Bernmobil)
Die Elektrobusse von Bernmobil werden an der Endhaltestelle aufgeladen. (Bernmobil)

ABB selber fertigt neu in einer Produktionsstätte in Baden AG Energiespeichersysteme für Bahnen, Elektro- und Trolleybusse sowie Elektro-Laster. «Wir sind nun in der Lage, den gesamten Antriebsstrang inklusive Energiespeicherlösung für Bahn-, E-Bus-, Trolleybus- und E-Truck-Anwendungen aus einer Hand zu liefern», sagt ABB-Schweiz-Chef Robert Itschner.

Immer mehr Schnellladesysteme

Mehr noch: ABB stattet auch die zweite Ausbauphase des europäischen Ladenetzwerks von Ionity aus. Zu diesem Joint Venture gehören auch verschiedene grosse Autohersteller, darunter auch Audi. Das heisst: Weitere 324 Schnellladesysteme mit einer Leistung von 350 kW gehen bald ans Netz. In der Schweiz stellt der Energieversorger Primeo solche Schnellladestationen bereits auf 20 Autobahnraststätten bereit. Und der Stadt Zürich schenkte ABB 30 Schnellladestationen aus Anlass ihres 30-jährigen Bestehens.

Die Schnellladesäulen von Ionity sind auch in der Schweiz schon an mehreren Autobahnraststätten zu finden. (AUDI)
Die Schnellladesäulen von Ionity sind auch in der Schweiz schon an mehreren Autobahnraststätten zu finden. (AUDI)

Migros, Coop und der Logistiker Galliker fahren künftig auch mit Wasserstoff. Und zwar mit einem neuen Xcient Fuel Cell Truck von Hyundai. 50 dieser Hightech-Brummis sollen bis Ende 2020 ausgeliefert werden. CEO Peter Galliker: «Für uns ist Wasserstoff die Zukunftslösung.» Bis 2030 will er so einen Grossteil der Schweizer Städte CO₂-neutral beliefern.

Sechs Transporteure, darunter Migros, Coop und Galliker Logistics, nahmen am 7. Oktober 2020 in Luzern die ersten Wasserstoff-Trucks der Schweiz in Empfang. (Förderverein H2 Mobilität Schweiz)
Sechs Transporteure, darunter Migros, Coop und Galliker Logistics, nahmen am 7. Oktober 2020 in Luzern die ersten Wasserstoff-Trucks der Schweiz in Empfang. (Förderverein H2 Mobilität Schweiz)

Immer wichtiger wird in Zusammenhang mit Mobilität der Servicegedanke: Der Kunde ist König. In kurzer Zeit hat Uber nicht nur das Taxigewerbe, sondern auch den ÖV aufgemischt. Bald wird es andere neue Mobilitätsanbieter geben. Dank der Digitalisierung mit Internet, Mobile, GPS und Apps werden Angebot und Nachfrage leicht und einfach auf Onlineplattformen zusammengebracht.

Immer mehr Entwicklungen laufen in der Software statt der Hardware ab, stellt auch das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) fest. Laut einer Studie benötigen Innovationen deshalb nicht mehr Jahrzehnte der Planung. Sie können heute geplant und morgen umgesetzt werden. Anders als bei neuen Verkehrswegen und Rollmaterial sind Aufwand und Kosten gering.

Doch manchmal sind auch die tollsten Ideen der Zeit einfach noch voraus. Das Car-Sharing-Konzept Sharoo beispielsweise. Auch Patrick Eigenmann vom ehemaligen Mitbesitzer Mobility muss eingestehen, dass das Autoteilet-Angebot nicht funktionierte. Über die Internetplattform Sharoo konnten Private ihre eigenen Autos an andere Private vermieten.

Die knallroten Autos von Mobility beleben den Strassenverkehr seit vielen Jahren. Die privaten Sharing-Cars von Sharoo sind wiederum verschwunden.
Die knallroten Autos von Mobility beleben den Strassenverkehr seit vielen Jahren. Die privaten Sharing-Cars von Sharoo sind wiederum verschwunden.

Das sogenannte «Peer-to-Peer»-Carsharing erlebte in den USA eine Blütezeit, als die Wirtschaft als Folge der Finanzkrise am Boden lag. Viele schlecht gestellte Amerikaner schätzten es, mit dem Ausleihen ihres Wagens unkompliziert etwas dazuzuverdienen – und registrierten ihre Autos bei den Sharoo-Vorbildern.

In der reichen Schweiz war das anders. Zumindest bis anhin. Eigenmann kann sich vorstellen, dass jüngere Generationen einen andern Umgang mit Besitz und dem eigenen Auto pflegen. Und dass die Idee künftig durchaus erfolgreich sein könnte. «Auch für Car-Pooling, also Mitfahrgelegenheiten, ist die Schweiz noch nicht bereit», stellt er ernüchtert fest. «Die meisten möchten ihre Autofahrt nicht mit einer fremden Person teilen.» Ganz allein auf den eigenen vier Rädern: Auto-Pendler sind heute immer noch Einzelgänger.

Auch eine Form von Car Sharing: Formel-E-Pilot Lucas di Grassi testet einen seriennahen Prototypen des Audi e-tron GT. Der Sportwagen ist 2021 auch in der Schweiz erhältlich. (AUDI)
Auch eine Form von Car Sharing: Formel-E-Pilot Lucas di Grassi testet einen seriennahen Prototypen des Audi e-tron GT. Der Sportwagen ist 2021 auch in der Schweiz erhältlich. (AUDI)

Bis 2030 will Mobility die komplette Flotte von 3000 Fahrzeugen mit Elektroantrieb anbieten. Das Aargauer Unternehmen E-Cargovia versucht das heute schon, wenn auch auf lokaler Ebene. In acht Gemeinden bietet die Firma eine rein elektrische Carsharing-Plattform an. Man braucht kein Abo, es reicht, die App herunterzuladen, ein Auto zu reservieren und loszufahren. Das Ganze kostet acht Franken die Stunde oder maximal 65 Franken am Tag. Der Strom ist in diesen Preisen inbegriffen, die Reichweite beträgt knapp 300 Kilometer.

Staufrei mit Anreizen

Wie man zu einer staufreien Stadt kommt, zeigt die Luzerner Klinik St. Anna. Dank eines Verkehrsbonus setzt nur noch ein Viertel der Belegschaft auf das Auto. Die Klinik beteiligt sich an den Billettkosten mit einem Rail-Check im Wert von 500 Franken. Wer zu Fuss oder mit Velo und Töff zur Arbeit kommt, erhält einen Gutschein von 500 Franken für ein lokales Velo-, Motorrad- oder Sportbekleidungsgeschäft. Wer im Winter mit dem Bus, im Sommer aber lieber Velo fährt, erhält 250 Franken ans ÖV-Abo und einen 250-Franken-Gutschein für eines der Geschäfte.

Nur wer ausserhalb der ÖV-Passepartoutzone 10 wohnt, darf mit dem Auto anreisen. Diese Mitarbeitenden haben Anspruch auf einen vergünstigten Parkplatz in der Nähe der Klinik – allerdings nicht im klinikeigenen Parkhaus. Toll: Weil die Benutzung des ÖV-Angebots zugenommen hat, erhöhten die städtischen Verkehrsbetriebe den Takt ihrer Busverbindung.

Publibike (hier eine Station bei der Berner Berufsschule Marzili) werden pro Tag für bis zu 17’000 Fahrten benutzt. (Peter Gerber)
Publibike (hier eine Station bei der Berner Berufsschule Marzili) werden pro Tag für bis zu 17’000 Fahrten benutzt. (Peter Gerber)

Für die letzte Meile bieten sich Velo und E-Trottinett an. Anbieter wie Publibike, Lime, Tier, Bird, Bond (vormals Smide) und Voi setzen in grösseren Städten auf diese Fortbewegungsmittel. Grösster Velo-Anbieter ist Publibike mit 130’000 registrierten Kunden in acht Städten. Laut CEO Markus Bacher kam es nach dem Beginn der Corona-Krise ab Mai 2020 zu über 10’000 Fahrten täglich, «im Juni gab es einen Spitzentag mit 17’000 Fahrten». Das zur Post-Tochter PostAuto gehörende Unternehmen macht sich für die Kreislaufwirtschaft stark. Es arbeitet mit Sozialpartnern zusammen. So haben Jugendliche beispielsweise die Möglichkeit, sich wieder ins Arbeitsleben zu integrieren.

Das Image der E-Trottis ist besser, falsch parkierte Scooter sind seltener geworden. «Seit dem Start vor zwei Jahren konnten wir beobachten, dass viele Nutzer inzwischen routinierter mit den Fahrzeugen umgehen und sich auch andere Verkehrsteilnehmer an die E-Scooter gewöhnt haben», sagt Estuardo Escobar, General Manager bei Lime in der Schweiz. Die Firma ist mit rund 800 E-Trottis in Zürich und 200 in Basel unterwegs. Einen Grund für die bessere Akzeptanz sieht er im Fahrsicherheitstraining für Fahranfänger: «Dieses haben wir zusammen mit dem TCS veranstaltet», sagt Escobar. In einer Kampagne hat Lime zudem die Nutzer für die Bereiche Sicherheit und Rücksichtnahme sensibilisiert.

Electroscooter von Anbietern wie Lime warten in vielen grösseren Schweizer Städten auf Kurzzeitmieter. (Philippe Rossier)
Electroscooter von Anbietern wie Lime warten in vielen grösseren Schweizer Städten auf Kurzzeitmieter. (Philippe Rossier)

Auch als Packesel machen Velos eine gute Falle. Das mit bis zu 300 Kilogramm beladbare und mit erneuerbarem Strom betriebene Last-Trike von Imagine Cargo sorgte nicht nur auf der letzten Meile für einen emissionsfreien Transport von Paketen. Jetzt gehört das Start-up zu DPD – dort bringen die Profis nun ihr Know-how ein. Der neuste Coup: DPD testet in Schaffhausen mit Elektrofahrzeugen die komplett CO₂-neutrale Paketzustellung. 

Die E-Mobility macht aus vielen Autoherstellern Mobilitätskonzerne. Auch Transportunternehmen und Start-ups aus anderen Branchen springen auf den Zug auf. Kunden freuen sich über neue, flexible und massgeschneiderte Angebote. Und die Umwelt wird dabei erst noch geschont.

e-tron News

Technik, Gesellschaft, Mobilität: Bleiben Sie up to date bei den Themen, die uns in Zukunft bewegen.