Die Sonnenkönige von Perlen

Im Jahr 2050 sollen sollen 20 Prozent des Schweizer Strombedarfs mit Sonnenenergie gedeckt werden. Wie das klappt, ist in Perlen LU zu sehen: Dort steht die grösste durchgehende Solaranlage der Schweiz – auf einer zuvor brach liegenden Fläche.

Von Max Fischer (Text) und Stefan Bohrer (Fotos)

Je nach Lichteinfall sieht die Anlage aus wie ein gigantisches Meer aus Solarmodulen, die sich wie Wellen auftürmen und wieder abflachen. Man könnte sich verirren hier oben – aber Martin Rimer kennt sich bestens aus: Als Projektleiter der BE Netz AG hat er diese grösste Solaranlage in der ganzen Schweiz auf einem einzelnen Dach mit aufgebaut. Sie steht in Perlen LU, ist etwa so gross wie sechs Fussballfelder und thront auf dem Dach des Aldi-Suisse-Verteilzentrums. Sie liefert sauberen Sonnenstrom für fast 2200 Haushalte.

Projektleiter Martin Rimer auf dem 4,5-Hektar-Dach.
Projektleiter Martin Rimer auf dem 4,5-Hektar-Dach.

Rimer kontrolliert auf dem Dach die Module des Kraftwerks. «Es ist nicht nur die grösste zusammenhängende Solaranlage der Schweiz – es ist auch unser bisher grösster Auftrag», sagt der Projektleiter der BE Netz. Das Luzerner Unternehmen ist spezialisiert auf Strom und Wärme aus der Sonne und kennt die Solarbranche seit 25 Jahren. «Dieses Grossprojekt haben wir zusammen mit Aldi und der Stromproduzentin Aventron aus Münchenstein BL realisiert.»

Die Anlage ist etwa tausendmal so gross wie eine durchschnittliche Einfamilienhaus-Solaranlage. Immens war die logistische und organisatorische Herausforderung für die Monteure. «Sie mussten auf dem 45’000 Quadratmeter grossen Dach 21’400 Solarmodule und 500 Kilometer Solarkabel verlegen», so Rimer. Die ganze Bauzeit betrug nur 20 Wochen. Vier bis acht Mitarbeitende waren im Kernteam von BE Netz engagiert.

Auf Strassenhöhe ist nicht zu erkennen, dass auf dem Verteilzentrums-Dach ein gigantisches Kraftwerk «versteckt» ist.
Auf Strassenhöhe ist nicht zu erkennen, dass auf dem Verteilzentrums-Dach ein gigantisches Kraftwerk «versteckt» ist.

Das Solarkraftwerk mit einer installierten Leistung von 6460 Kilowatt Peak (Peak ist ein Leistungsfaktor in der Solarbranche) produziert etwa so viel Strom, wie 2150 Zwei-Personen-Haushalte im Jahr verbrauchen. Die Firma Aventron AG bewirtschaftet die Anlage und liefert ein Viertel des nachhaltigen Stroms direkt in das Logistikzentrum, und der restliche Anteil von 75 Prozent vermarktet die Firma auf dem Strommarkt.

Ganz wichtig ist für Martin Rimer neben dem ökologischen auch der ökonomische Aspekt. Mit dem neuen Energiegesetz läuft das Fördersystem der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) Ende 2022 aus. Anstelle der KEV erhalten die Anlagenbetreiber von Photovoltaikanlagen einen einmaligen Investitionsbeitrag. Photovoltaikanlagen müssen somit vermehrt den Anforderungen auf dem freien Markt genügen und auch zur Eigennutzung konzipiert werden.

Projektleiter Martin Rimer kontrolliert die Module der Riesenanlage.
Projektleiter Martin Rimer kontrolliert die Module der Riesenanlage.

Dank der Hand-in-Hand-Zusammenarbeit der drei beteiligten Partner konnte die Photovoltaikanlage auf dem Verteilzentrum in Perlen zu einem für alle Beteiligten lukrativen Preis erstellt werden. Neben den umweltlichen Aspekten erfüllt sie deshalb auch die wirtschaftlichen Anforderungen des freien Energiemarkts: Die Anlage auf dem Aldi-Dach bestätigt dank der tiefen Herstellungskosten von deutlich unter 10 Rappen pro kWh eindrücklich, dass sich Solarstrom auf dem Energiemarkt auch finanziell rechnet. 

Klar ist: Wenn die Schweiz die Ziele der Energiestrategie 2050 erreichen will, muss sie mehr Solarstrom herstellen. Und fest steht auch: Sie hätte beste Voraussetzungen für eine klimaschonende Versorgung mit erneuerbarer Energie, die die wegfallende Kernenergie ersetzen könnte. Mit Wasserkraft (beträgt heute schon knapp 60 Prozent der Stromproduktion), Windkraft (0,3 Prozent) und Sonnenenergie. Bis zum Jahr 2050 dürften rund 20 Prozent des derzeitigen Strombedarfs durch Photovoltaik gedeckt werden – heute sind es 4 Prozent.

Die Anlage rechnet sich auch finanziell: Die Herstellungskosten des Stroms liegen bei unter 10 Rappen pro kWh.
Die Anlage rechnet sich auch finanziell: Die Herstellungskosten des Stroms liegen bei unter 10 Rappen pro kWh.

200-mal so viel Sonnenstrahlung wie benötigt

So funktioniert es: Solarzellen wandeln Sonnenstrahlen in elektrische Energie um – ganz ohne Abfall, Lärm und Abgase. Die Technik nennt sich Photovoltaik. Kritiker monieren immer wieder, in der Schweiz scheine die Sonne viel zu wenig. Doch das ist falsch. Gemäss Energie Schweiz und dem Branchenverband swissolar trifft 200-mal mehr Sonneneinstrahlung auf die gesamte Fläche der Schweiz, als im gesamten Land verbraucht wird. Entsprechend hoch ist in unserem Land das Produktionspotenzial auf Dächern und Fassaden: Es könnte rund die Hälfte des Schweizer Stomverbrauchs abdecken.

Auf dem Dach ist nur ein Teil des Kraftwerks: Auch im Gebäude darunter steckt viel Technik.
Auf dem Dach ist nur ein Teil des Kraftwerks: Auch im Gebäude darunter steckt viel Technik.

Ein weiteres Vorurteil: Sonnenenergie ist ineffizient. Auch das stimmt nicht: Photovoltaik wandelt Sonnenenergie äusserst effizient in Strom um. Der Wirkungsgrad einer Solaranlage – also das Verhältnis des produzierten Stroms zur auf der Fläche eingestrahlten Sonnenenergie – beträgt je nach Technologie zwischen 11 und 20 Prozent. Auf nur einem Quadratmeter Fläche können 200 Watt Strom erzeugt werden. Aufgepasst: Die physikalische Grenze bei der Photovoltaik liegt bei 30 Prozent – und nicht bei 100 Prozent. 

Und auch wichtig zu wissen: Fossile Energien wie Kohle oder Benzin basieren ursprünglich ebenfalls auf Sonnenenergie. Beim gesamten Herstellungszyklus von der Photosynthese über die Transformation zu Kohle, Rohöl oder Erdgas und dann die Verbrennung zu Strom ist der Wirkungsgrad der eingestrahlten Sonnenenergie allerdings kleiner als 1 Prozent, da bereits die Photosynthese nur einen Wirkungsgrad von rund 3 Prozent aufweist. Das heisst: Nimmt man die Sonneneinstrahlung als Energiequelle, ist der Wirkungsgrad der Photovoltaik viel höher als bei fossiler Energie.

Die Sonne treibt alles an: Auch fossile Energien wie Kohle oder Benzin sind letztlich umgewandelte Solarenergie.
Die Sonne treibt alles an: Auch fossile Energien wie Kohle oder Benzin sind letztlich umgewandelte Solarenergie.

Eigenes Solarkraftwerk

Jeder Hausbesitzer kann auf seinem Dach oder an seiner Fassade selber Solarstrom produzieren und diesen ohne Umweg über das Stromnetz selber verbrauchen. Praktisch – vor allem auch für Fahrer eines Elektrofahrzeugs: Solaranlagen produzieren zwar hauptsächlich tagsüber Strom. Dann kann man damit Geräte wie Kühlschränke oder Gefrierfächer mit Strom versorgen. Aber mit einem Batteriespeicher kann man den Strom auch kurzfristig «lagern» und dann beziehen, wenn man ihn benötigt. Und beispielsweise am Abend in seiner Garage sein E-Auto mit Sonnenstrom laden.

Dabei bleibt man jederzeit ans öffentliche Stromnetz angeschlossen. Wenn die eigene Produktion grösser ist als der Verbrauch, muss das lokale Versorgungsunternehmen den überschüssigen Strom abnehmen und vergüten. Die Crux: Die Preise variieren zwischen 4,5 und 13 Rappen pro kWh.

Über 500 Kilometer Kabel wurden beim Bau der Anlage verlegt.
Über 500 Kilometer Kabel wurden beim Bau der Anlage verlegt.

Grund für die riesigen Unterschiede: Die einzelnen Energieversorger sind in der Preisgestaltung frei. Zwar gibt es ein Papier des Bundesamts für Energie, wonach die Energieversorger mindestens ihre durchschnittlichen Gestehungskosten rückvergüten müssen.

Doch erst die laufende Revision des Energiegesetzes wird für einheitliche und verbindliche Spielregeln sorgen. Der Branchenverband swissolar rät zu einem minimalen Rücknahmetarif von 8 Rappen für alle Anlagen bis 500 Kilowatt Peak. Doch bis die Gesetzesrevision steht, dürfte es noch ein paar Jahre dauern.

Am besten fahren auch Private, wenn der Strom vom Dach nicht zurück ins Netz gespiesen wird – sondern vor Ort verbraucht oder gespeichert.
Am besten fahren auch Private, wenn der Strom vom Dach nicht zurück ins Netz gespiesen wird – sondern vor Ort verbraucht oder gespeichert.

Machen Sie die Probe

Auf energieschweiz.ch finden Sie einen Solarrechner. Damit können Sie die ungefähre Energieproduktion, die Gesamtkosten und die Amortisationsdauer einer auf Ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Solaranlage berechnen.

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