Retten Strom-Scooter den Strassen-Verkehr?

Sie sind die Lösung für die «letzte Meile» im chronisch verstopften Stadtverkehr: Elektrische Trottinette sind agil, leicht und schonen die Umwelt. Und Benutzer sind weder verschmutzt noch verschwitzt.

Von Max Fischer

Über die Hälfte aller Autofahrten in Städten sind Strecken unter fünf Kilometer. Kommt hinzu, dass es in Stosszeiten oft nur im Schritttempo vorwärts geht. Parklücken findet man nur mit grossem Glück. Was machen? Neben herkömmlichen und elektrisch angetriebenen Velos bieten sich neu E-Trottinette an – auch E-Scooter genannt. Sie entsprechen erst noch dem neuen Trend: Mieten statt kaufen.

Die Strom-Scooter von Lime gehören in Zürich bereits zum Strassenbild. (Philippe Rossier)
Die Strom-Scooter von Lime gehören in Zürich bereits zum Strassenbild. (Philippe Rossier)

In Zürich sind laut Dominik Kratzenberg von Lime 400 und in Basel 200 giftgrüne Lime-Trottis im Einsatz (www.limebike.ch)  – in Zürich zudem 100 schwarze Tretroller von Bird (www.bird.co), wie Yenia Zaba bestätigt. Beide Anbieter verlangen eine Grundgebühr von 1 Franken und dann 30 Rappen pro Minute. Momentan haben weder Lime noch Bird Pläne für weitere Städte in der Schweiz in der Schublade.

Nicht verschwitzt, nicht verschmutzt

Die Miete funktioniert einfach: Wer Bedarf hat, lädt die App herunter, findet ein Trotti in der Nähe und öffnet es per Code. Und los gehts. Für die meisten waren die Trottis schon in der Kindheit das Fortbewegungsmittel Nummer eins, wenn man zu klein fürs Velo und zu jung fürs Töffli war. Was sich damals schon für den Weg ins Training oder in den Musikunterricht bewährte, wird jetzt wieder zur ersten Wahl, wenn der Weg zu Fuss zu lang und die Fahrt mit dem Auto zu kurz ist.

Bird-Geschäftsführer Christan Gessner in Zürich. (ZVG)
Bird-Geschäftsführer Christan Gessner in Zürich. (ZVG)

«Unsere Trottinette sind weniger schwer als Velos», sagt Christian Gessner, Geschäftsführer von Bird in der Schweiz. Zudem seien sie agiler als Fahrräder. «Man ist nach der Nutzung nicht verschwitzt und nicht verschmutzt», schwärmt er. Das heisst: das Trotti ist auch praktisch mit Anzug und Deux-pieces.

«Die Zukunft ist elektrisch»

Der Strom revolutioniert den Strassenverkehr. Deshalb befasst sich der Podcast «Die Zukunft ist elektrisch» nicht nur mit dem ersten vollelektrischen Audi, dem e-tron, sondern auch mit vielen anderen Facetten des Themas. Auch das Thema E-Scooter und E-Skateboards für die letzte Meile werden vertieft abgehandelt. Hören Sie hier rein:

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Gessner hat klare Vorstellungen, was die Stadt Zürich machen muss, um den Verkehr in der Innenstadt einzudämmen. Damit mehr Menschen mit den Trottinetten und weniger mit dem Auto unterwegs sind, verlangt er einschneidende Massnahmen zur Verkehrsberuhigung: «Die Stadt muss Autospuren reduzieren, damit die Trottinette mehr Platz haben», fordert er.

Foto: Philippe Rossier, 9.9.2018, Zürich, Symbolbilder, Sonne, Seebecken, Utoquai, Lime-S Trottinett im Verkehr

Zumindest verzichtet die Stadt schon mal auf eine Bewilligungspflicht für stationsungebundene Zweiräder. Auch sonst kommt sie Anbietern stark entgegen: Auf einem öffentlichen Zweiradabstellplatz dürfen nicht mehr als zehn Prozent durch Verleihfahrzeuge belegt werden. Und wenn es keine Abstellanlage hat, dürfen Verleiher im Maximum zwei Fahrzeuge abstellen.

Bird-Trotinette warten in Santa Monica (USA) auf ihren Einsatz. (Reuters/Lucy Nicholson)
Bird-Trotinette warten in Santa Monica (USA) auf ihren Einsatz. (Reuters/Lucy Nicholson)

Ob Lime und Bird sich durchsetzen und ob weitere Konkurrenten beim Kampf um die letzte Meile mitmachen, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Wie hart der Wettbewerb ist, zeigt das Beispiel von O-Bike: nach nur einem Jahr in der Schweiz musste das Unternehmen mit Sitz in Singapur mit seinem Velo-Leihgeschäft Konkurs anmelden.

Schöner Nebeneffekt

Die Empfänger für das globale Navigationssatellitensystem und die Mobilfunkmodule bei einem Teil der Bird-Flotte kommen vom Thalwiler Unternehmen U-Blox. Das Vorzeigeunternehmen ist Anbieter von Halbleiterbausteinen für die Positionierung und drahtlose Kommunikation. Es hat sich seit 1997 von einem 5-Personen Start-up zu einer heute weltweit agierenden Firma mit mehr als 1000 Mitarbeitern entwickelt.

Bird wurde 2017 von Ex-Uber-Manager Travis VanderZanden gegründet. Aktuell hat es einen Börsenwert von rund 2 Milliarden Dollar. Auch das Start-up Lime ist 2017 in Kalifornien gestartet. Im Juli diesen Jahres haben unter anderen Google-Tochter Alphabet und der Taxidienst Uber über 300 Millionen Dollar ins Unternehmen gesteckt.

Ein E-Trottinett-Fahrer im Zürcher Strassenverkehr. (Philippe Rossier)
Ein E-Trottinett-Fahrer im Zürcher Strassenverkehr. (Philippe Rossier)

Diese Regeln gelten für E-Trottinette

Die meisten Modelle von E-Trottinetten haben eine bauartbedingte Höchstgeschwindigkeit von maximal 20 km/h und eine Unterstützung bis zu maximal 25 km/h – auch die Modelle von Lime und Bird. Sie fallen gemäss Marc Kipfer von der Beratungsstelle für Unfallverhütung bfu unter die Kategorie Leicht-Motorfahrrad. Konkret:

  • Im Verkehr sind solche Geräte faktisch den Velos gleichgestellt. Das heisst: Die Benützung von Radwegen und Radstreifen ist obligatorisch, wenn diese vorhanden sind.
  • Es braucht kein Kontrollschild.
  • 14- und 15-Jährige benötigen einen Führerausweis der Kategorie M oder G, ab 16 Jahren braucht es keinen Führerausweis.
  • Ein Velohelm ist nicht vorgeschrieben, er wird aber empfohlen – auch von Lime und Bird.
  • Die Durchfahrt bei Verbot für Motorfahrräder ist zulässig.
  • Auf dem Trottoir zu fahren ist verboten, ausser wenn die Zusatztafel «Radfahrer» vorhanden ist.
  • Das einzelne Modell muss die Leistungsbedingungen und Ausstattungsvorschriften erfüllen.


Achtung: Es gibt E-Trottinette-Modelle, die höhere Geschwindigkeiten erreichen (ähnlich wie ein schnelles E-Bike). «Diese sind dann den schnellen E-Bikes gleichgestellt», so Kipfer, «es gilt beispielsweise die Helm- und Immatrikulationspflicht.»

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