Flächendeckend Schnell-Strom für die Schweiz

Fast wie tanken! Acht Minuten laden und 200 Kilometer mit dem Elektroauto fahren: In Neuenkirch LU ist jetzt die schnellste Ladestation der Welt in Betrieb.

Von Max Fischer
Der Ionity-Ladepark hat den Betrieb bereits aufgenommen. (Philippe Rossier)
Der Ionity-Ladepark hat den Betrieb bereits aufgenommen. (Philippe Rossier)

Als «Leuchtturmprojekt in der Elektromobilität» bezeichnet Markus Brokhof, Head of Digital & Commerce beim Energiekonzern Alpiq die neue Ladestation. Und für ihn als Luzerner sei die Anlage in Neuenkirch «ein ganz besonderes Highlight», sagt Remo Lütolf, CEO von ABB Schweiz.

Das angekündigte Gewitter verzog sich an diesem Abend zwar. Doch die Powerstation schlug ein wie ein Blitz: Die 350-Kilowatt-Ladestation ist die erste der Schweiz und eine der ersten in Europa.

Remo Lütolf (CEO ABB Schweiz), Markus Brokhof (Geschäftsleitungsmitglied Alpiq), Marcel Mayer (stellvertretender Geschäftsführer Alpiq E-Mobility), Thomas Lohmann (Geschäftsleitung Luzerner Raststätte), Franz Wüest (Verwaltungsratspräsident Luzerner Raststätte) und Christian Zeh (Head of DACH & CEE Ionity, von links nach rechts). (Philippe Rossier)
Remo Lütolf (CEO ABB Schweiz), Markus Brokhof (Geschäftsleitungsmitglied Alpiq), Marcel Mayer (stellvertretender Geschäftsführer Alpiq E-Mobility), Thomas Lohmann (Geschäftsleitung Luzerner Raststätte), Franz Wüest (Verwaltungsratspräsident Luzerner Raststätte) und Christian Zeh (Head of DACH & CEE Ionity, von links nach rechts). (Philippe Rossier)

Power kommt nicht nur aus den Säulen, Kraft steckt auch hinter den Betreibern: Weil sie bis 2020 alle rein batteriebetriebene Autos auf den Markt bringen, haben die Autobauer VW mit Audi und Porsche, BMW, Daimler und Ford zusammen Ionity lanciert. Bis 2020 will das Unternehmen 400 Ultra-Schnellladestationen an Europas Fernstrassen aufstellen.

ABB-Schweiz-CEO Remo Lütolf. (Philippe Rossier)

Für Sprecher Paul Entwistle ist Ionity ein Musterbeispiel einer Kooperation von Firmen in Europa: «Unterschiedlich denkende und aufgestellte Unternehmen haben sich für ein übergeordnetes Ziel zusammengetan.» Im Bereich des Klima- und Umweltschutzes müsse etwas passieren. Auch ABB-Lütolf betont, dass 30 Prozent der CO2-Emissionen aus dem Verkehr stammten.

Nicht irgendein Netz will Ionity knüpfen: es soll das engmaschigste, beste und stärkste sein. Maximal 120 Kilometer werden die Ladestationen auseinander liegen. Eine Ferienreise von Zürich in den Süden von Italien ist künftig bequem machbar.

In Neuenkirch arbeitet Ionity mit dem Energiekonzern Alpiq zusammen, der den grünen Strom liefert. Mehr noch: «Wir planten, entwickelten und installierten die Anlage als Generalunternehmen», sagt Marcel Mayer, stellvertretender Geschäftsführer von Alpiq E-Mobility.

Christian Zeh ist bei Ionity auch für die Schweiz verantwortlich. (Philippe Rossier)

Im forschen Tempo geht es weiter: «Im Juli kommt die nächste Ladestation auf beiden Seiten der Gotthard-Raststätte.» Total zehn Ladestationen plant Ionity in der Schweiz. 80 Prozent sollen dieses Jahr in Betrieb gehen. «Die Schweiz wird das erste Land sein, das wir flächendeckend vollständig mit Ladestationen abdecken», betont Christian Zeh, Head of DACH & CEE von Ionity.

Das Herz der neuen Ladestation in Neuenkirch kommt von ABB: Das Kraftpaket heisst Terra HP. HP steht für High Power. Es sind die ersten Geräte mit flüssigkeitsgekühlten Kabeln in Europa. Noch gibt es in der Praxis kein Auto, das für solche Kräfte gemacht ist.

Ab Ende Jahr geht mit dem e-tron das erste rein elektrisch betriebene Serienfahrzeug von Audi an den Start. Es erhält eine 95 kWh grosse Batterie. Damit fährt man bis zu 400 Kilometer weit. Und dank einer Ladegeschwindigkeit von 150 kW soll die Batterie an einer Schnellladesäule unter optimalen Bedingungen in 30 Minuten zu 80 Prozent geladen sein.

Der vollelektrische Audi e-tron kommt Ende Jahr auf den Markt – im Bild der Prototyp. (Audi)
Der vollelektrische Audi e-tron kommt Ende Jahr auf den Markt – im Bild der Prototyp. (Audi)

Porsche setzt nächstes Jahr mit dem elektrischen Sport-Limousine Taycan noch einen drauf. Der Sportwagenbauer erhöht die Ladeleistung auf 220 kW. Eine Batterieladung soll für mehr als 500 Kilometer reichen. Zum Nachladen genügt eine Viertelstunde. Knapp Zeit für einen Gang auf die Toilette.

Die Ladesäulen von Ionity verwenden den europäischen CCS-Standardstecker. Das heisst: alle europäischen Autos können hier laden. Auch viele Modelle, die nicht von Herstellern der Ionity-Investoren kommen. Die Terra-HP-Ladegeräte unterstützen aber auch das in Asien übliche Chademo-System. Dafür braucht es lediglich einen Adapter. Laut ABB-Chef Lütolf ist es eine Frage der Zeit, bis die Systeme einheitlich sind.

Und die grosse Frage: Was kostet das Laden eines Elektroautos? «Vorläufig ist es als Willkommensgeschenk noch gratis», sagt Zeh. Momentan stehe man in Verhandlungen mit den Investoren, aber auch den lokalen Partnern. Es gebe verschiedene Ansätze, beispielsweise zeitbasierte Tarife, die Abrechnung nach kWh und Flat-Rates. Oder Plug and Charge: Der Kunde steckt das Kabel ein und der ganze Autorisierungs- und Abrechnungsvorgang zwischen dem Auto und der Ladeinfrastruktur läuft digital.

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