«Wir definieren Vorsprung neu»

Hildegard Wortmann ist bei Audi für Vertrieb und Marketing verantwortlich. Ein Gespräch über Gesellschaft, Wirtschaft und Technologie.

Die Autoindustrie ist im Umbruch. Neue Mobilitätskonzepte, neue Antriebsparadigmen und ein verändertes Verhältnis zum Individualverkehr ordnen die Branche neu. Die Digitalisierung ist da Auslöser wie Ausweg. Auch bei Audi. Dort hat seit Mitte des Jahres Hildegard Wortmann Vertrieb und Marketing unter sich. Sie ist die erste Frau im Vorstand, kommt von der Konkurrenz und steht vor der Aufgabe, die digitale Generation zu begeistern.

Frau Wortmann, Sie haben Ihren Job bei Audi im Juli angetreten. Spürt man den «Vorsprung durch Technik» heute noch, wenn man von aussen dazustösst?

Absolut. Ich bin immer noch ganz überwältigt vom Spirit der Mannschaft, die für die Vier Ringe brennt und die Marke unbedingt nach vorne bringen will. Aktuell definieren wir gemeinsam neu, was «Vorsprung durch Technik» für uns bedeutet. Das verschiebt sich weg vom technisch grundsätzlich Möglichen hin zu einem Verständnis von Vorsprung, das den Kunden in den Mittelpunkt stellt. Das ist ein völlig anderer Ansatz: Outside-in! Wir wollen genau die Innovationen, Services und Erlebnisse liefern, die der Kunde wirklich will, die einen Mehrwert für ihn bringen und ihn begeistern.

Welchen Vorsprung bringt Ihnen die Digitalisierung im Berufsalltag?

Wie viel Zeit haben wir? Das ist ein wahnsinnig breites Feld. Digitale Tools und Data Analytics helfen uns unter anderem, die Wünsche unserer Kunden bestmöglich zu antizipieren. Aber auch in Sachen Kommunikation ergeben sich viele neue Chancen. Als Mittel der Vernetzung und Inspiration nutze ich zum Beispiel aktiv LinkedIn als Kanal Richtung Öffentlichkeit und all meiner Mitarbeiter weltweit. Das direkte und offene Feedback, das mich erreicht, ist für mich ein super Pulsmesser für meine Arbeit.

Wo bleiben Sie selber analog?

Ich bin ein Fan von Handshake-Management. Sich persönlich in die Augen zu schauen und miteinander zu sprechen, ist durch nichts zu ersetzen. Deshalb nehme ich mir viel Zeit für den direkten Austausch mit Mitarbeitern, Geschäftspartnern, unseren Handelspartnern oder Impulsgebern von aussen. Als Neueinsteiger bei Audi habe ich eine sogenannte LLX Tour – das steht für Listen, Learn, Exchange – gestartet, um mich mit Mitarbeitern, Kollegen und Audi-Partnern in Deutschland und in den wichtigsten Auslandsmärkten zusammenzusetzen. Diese Eindrücke und das ehrliche, direkte Feedback sind sehr wertvoll.

Hildegard Wortmann startete nach ihrem Studium der Betriebswirtschaftslehre ab 1990 ihre Karriere bei Unilever. Neben ihrer beruflichen Laufbahn absolvierte die gebürtige Münsteranerin (D) einen Master of Business Administration in London. 1998 wechselte sie zur BMW Group.

Mit dem Aufbau der Elektromarke BMW i setzte Hildegard Wortmann massgebliche Akzente für die E-Mobilität. 2016 übernahm sie zusätzlich zur weltweiten Produktverantwortung die Leitung der Marke BMW.

Ab Januar 2018 verantwortete sie die Vertriebsregion Asien-Pazifik aus Singapur.

Seit 1. Juli 2019 ist Hildegard Wortmann Mitglied des Vorstands der AUDI AG für den Bereich Vertrieb und Marketing.

Wie verändert die Digitalisierung die Automobilindustrie?

Nicht umsonst sprechen wir von der grössten Transformation, die die Branche je erlebt hat. Sie wird erheblichen Einfluss auf die zentralen Use Cases im Automobilbereich haben und hat dies bereits heute: Wie komme ich zu einem Auto? Wie kaufe oder lease ich es? Wie nutze ich mein Auto, wie erlange ich Zugang zu Mobilität von A nach B? Die User Experience über alle drei Phasen muss möglichst intuitiv und mit einem erlebbaren Mehrwert für Kunden und User gestaltet sein. Das kann der einfache Zugang quer über alle Touchpoints vom Smartphone über den PC bis hinein ins Auto sein, aber auch ganz neue Angebote und die Einbindung Dritter ins Ökosystem von Audi umfassen. Nehmen Sie nur das Thema eCommerce: Dies wird den Kaufprozess völlig verändern. Oder das Thema functions on demand: Hier bringen wir erstmals das Geschäftsmodell, das Sie vom Smartphone kennen, ins Auto und damit zum Kunden.

Sie sprechen es an: Die Autobranche steht vor grossen Umbrüchen – oder steckt schon mittendrin. Wo steht Audi?

Mit unserer Elektrifizierungs-Roadmap haben wir den Weg in die Zukunft klar beschrieben: 2025 wird das Audi-Portfolio bereits mehr als 30 Modelle mit Elektroantrieb zählen, darunter 20 rein elektrische. Doch damit nicht genug: Unser Ziel ist es, den gesamten Fahrzeug-Lebenszyklus sukzessive CO2-neutral zu gestalten – von der Herstellung über die Nutzung bis zur Verwertung der Audi-Modelle. Bereits bis 2025 soll sich der CO2-Fussabdruck der Fahrzeugflotte über den gesamten Lebenszyklus hinweg um 30 Prozent gegenüber 2015 verringern. Wir haben uns ambitionierte Ziele gesetzt, weil wir als Audi einen wesentlichen Beitrag für eine nachhaltige Welt leisten und gestalten wollen.

Sind Ihre Kundinnen und Kunden bereit für die E-Mobilität?

Ganz klares Ja! Die hohe Nachfrage nach unserem Audi e-tron zeigt: Es ist das richtige Auto zur richtigen Zeit! Und das ist erst der Anfang. Rennserien-Formate wie die Formel E zeigen bereits heute, wie viele Emotionen das Thema Elektromobilität weckt. Mit dem Audi e-tron GT bringen wir deshalb kommendes Jahr einen High-Performance-Sportwagen mit reinem Elektroantrieb an den Start. Auch fokussieren wir uns bei unseren E-Modellen stark auf das Ökosystem rund ums Auto, etwa die Ladeinfrastruktur.

Formel E als Emotionalisierungsmotor: Pilot Daniel Abt und Hildegard Wortmann am Rande des E-Prix in New York City 2019. (AUDI)
Formel E als Emotionalisierungsmotor: Pilot Daniel Abt und Hildegard Wortmann am Rande des E-Prix in New York City 2019. (AUDI)

E-Mobilität ist die Zukunft. Haben denn die Kunden überhaupt noch eine Wahl?

Wir stellen die Wünsche unserer Kunden konsequent in den Mittelpunkt. Bei sehr vielen unserer Kunden gibt es ein grosses Bedürfnis nach nachhaltiger Mobilität. Zugleich bedienen wir etwa mit unseren RS-Modellen aber auch den Wunsch nach sportlicher High Performance. Wie schnell sich darüber hinaus die Elektromobilität flächendeckend durchsetzt, das hängt an einer Vielzahl von Faktoren wie etwa staatlicher Förderung, Ladeinfrastruktur oder Strom-Mix. Da ist Norwegen in Europa ein echter Vorreiter, aber gerade auch in der Schweiz sehen wir hier grosses Potenzial.

Man hat den Eindruck, dass in den letzten Jahren die wichtigsten Autotrends wie Hybridisierung und Motoren-Downsizing unter regulatorischem Druck entstanden. Wie innovativ ist die Branche wirklich?

Innovation ist die Basis unseres Geschäfts in allen Geschäftsbereichen. Jede Branche entwickelt sich aber natürlich im Wechselspiel der jeweiligen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technologischen Themen und Trends. Das gilt auch für die Autoindustrie, die aufgrund ihrer Bedeutung für die grossen Weltmärkte Europa, China und USA stets besonders im Fokus steht. Aber auch der Wettbewerb der Hersteller spielt als Innovationstreiber für unsere Hightech-Branche eine wichtige Rolle. Gerade in den letzten Jahren kamen hier sehr interessante neue Player ins Spiel.

Gerade China setzt bei den Autos auf eine offensive Elektrifizierungspolitik. Bestimmt der asiatische Markt, welche Autos uns die deutschen Hersteller in Europa anbieten?

Unser Motto ist klar: In China, for China! Audi setzt konsequent auf eine Lokalisierung des Angebots gerade für den wichtigen chinesischen Markt. Daher gibt es in Peking ein eigenes R&D-Center, in dem Ingenieure Features entwickeln, die den Bedürfnissen unserer chinesischen Kunden entsprechen. Auch ein eigenes Designstudio haben wir vor Ort. Entwicklungen von dort, die auch für unsere Kunden in Europa oder den USA einen Mehrwert bieten, werden wir sicherlich auch weltweit zum Einsatz bringen. Das ist aber kein Automatismus: Die Wünsche unserer Kunden stehen immer im Fokus.

Nun wächst eine Generation heran, für die ein Auto nicht mehr Werte wie Freiheit transportiert, sondern im schlimmsten Fall Umweltverschmutzung. Ist Audi auf die Klimajugend vorbereitet?

Die jungen Leute sprechen gesellschaftlich hochrelevante Themen an, und sie bringen eine neue Qualität in die Diskussion. Für ihre Ängste und Sorgen habe ich grosses Verständnis und für ihr entschlossenes Auftreten grossen Respekt. Deshalb treibe ich unsere Elektrifizierungs-Roadmap mit viel persönlichem Engagement voran. Der direkte, regelmässige Austausch mit jungen Talenten und Millennials hilft mir, das noch besser zu verstehen und zu adressieren. Wir bei Audi verfolgen konsequent den Weg zum nachhaltigen Premium-Mobilitätsanbieter.

Das Auto ist im Analogen verwurzelt, noch ist Fahren Emotion. Müssen wir uns von diesem Erlebnis verabschieden?

Im Gegenteil. Wir werden unseren Kunden in Zukunft noch vielfältigere Erlebnisse bieten. Sei es über neue digitale Tools wie functions on demand, mit denen Kunden ihre Autos bedarfsorientiert anpassen, etwa durch ein individuelles Lichtpaket. Oder durch Angebote wie Audi on demand, dank denen Kunden verschiedene Modelle in einem Zeitraum ihrer Wahl erleben können.

Welchen Audi würden Sie kaufen wollen?

Ich muss mich glücklicherweise nicht entscheiden, denn ich teste regelmässig alle unsere Modelle. Mir ist als Vertriebs- und Marketingvorständin sehr wichtig, dass ich unsere ganze Produktpalette genau kenne. Wir wollen den Ansprüchen und Bedürfnissen all unserer Kunden gerecht werden. Unser Angebot richten wir exakt danach aus. Und das reicht deshalb vom wendigen A1 für den Stadtverkehr – ich bin ganz begeistert von unserem neuen A1 citycarver – über den vollelektrischen Audi e-tron bis hin zu High-Performance-Sportwagen wie etwa unserem neuen RS 7 Sportback.

Was haben Sie bei Audi noch alles vor?

Gemeinsam mit unserem hochmotivierten Team will ich Audi zu neuen Erfolgen führen. Ich möchte inspirieren, motivieren, kritisch infrage stellen und den Weg für Neues öffnen. Ich bin überzeugt: Gemeinsam können wir die Herzen unserer Kunden höher schlagen lassen – und ihnen das bestmögliche Produkt-, Service- und Markenerlebnis bieten. Dieses Ziel habe ich jeden Tag vor Augen.

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